20. Juli 2017

Aus Preisfrage

Donnerstag, 20. Juli 2017

Die ersten Sonnenstrahlen schimmerten über dem Horizont und tauchten den Canal Grande in ein pastellfarbenes Licht. Um diese Uhrzeit schlummerte die Lagune noch friedlich und vermittelte ein Gefühl von Unversehrtheit, wie eine Insel der Glückseligkeit inmitten einer chaotischen Welt. Doch die Ruhe sollte nicht von langer Dauer sein, wie Giuseppe Benedetti nur zu gut wusste.

Der betagte Venezianer blickte gedankenvoll aus dem Fenster seines Wohnzimmers auf das idyllische Panorama. Seit seiner Geburt im Jahre 1948 wohnte Giuseppe Benedetti in Venedig und hatte in seinem langen Leben noch keinen Tag außerhalb der Stadt verbracht. Er residierte in einem kleinen Haus in Cannaregio und pflegte einen bescheidenen Lebensstil, erfüllt vom tiefen Glauben an Jesus Christus und hoffend auf die Erlösung der Menschheit von ihren Sünden. Wenngleich es wohl eines wahrhaftig liebenden Gottes bedurfte, um die schrecklichen Vergehen an Seiner Schöpfung zu verzeihen, fand Benedetti.

Er faltete die Hände, sprach ein Morgengebet und bat den Herrn um Seinen Segen für das, was am heutigen Tage geschehen würde. Seit er denken konnte, begann Benedetti jeden Morgen mit einer solchen Fürbitte. Doch dieser Donnerstag würde etwas Besonderes mit sich bringen, einen Aufschrei der Unterdrückten gegen eine Obrigkeit, welche sich bislang beharrlich weigerte, die Ungerechtigkeit anzuerkennen. Natürlich hatte er keine Revolution, kein Blutvergießen im Sinne. Für einen Pazifisten wie Benedetti war bereits das Totschlagen einer Fliege ein Vergehen gegen die Schöpfung. Dennoch würde sein Handeln eine Zäsur bedeuten, mit unabsehbaren Folgen für die Zukunft. Deshalb musste er sich zuerst in sorgfältiger Andacht vergewissern, dass der Herr ihm auf seinem Wege beistand, welchen er zu wählen gedachte.

Mit einer großen Bekreuzigung schloss Giuseppe Benedetti sein morgendliches Ritual ab, nahm den geflochtenen Hut von der Garderobe und trat vor die Haustür. Ohne Eile schritt er die enge Straße entlang, welche von seinem Anwesen zu einem Anlegesteg führte. Dort glänzte im Schein der aufgehenden Sonne eine altehrwürdige Gondel, pechschwarz und verziert mit samtbedeckten Sitzen. Mit einer routinierten Handbewegung löste Benedetti die Vertäuung, bestieg das schmale Boot und nahm ein langes hölzernes Ruder aus einer rechteckigen Öffnung im Bootskörper. Der Riemen, wie das Ruder der Gondolieri genannt wurde, diente zur präzisen Navigation der Gondel. Es bedurfte einer speziellen Technik, den Riemen schräg ins Wasser einzutauchen und dadurch Richtung und Geschwindigkeit zu beeinflussen. Schließlich wollte man nicht versehentlich mit einem Vaporetto kollidieren und den Verlust seines Bootes riskieren. Und auf dem Canal Grande herrschte im Sommer Hochbetrieb, der sich auf absehbare Zeit noch verschlimmern würde.

Es war nicht immer so gewesen. Lärm und Hektik – Guiseppe Benedetti konnte sich nicht erinnern, so etwas in seiner Kindheit wahrgenommen zu haben. Selbstverständlich hatte er als junger Knabe auch anderes im Kopf und scherte sich nicht im Mindesten um all die Probleme, welche Venedig umgaben. Nach dem Zweiten Weltkrieg trugen politische Entscheidung dazu bei, den Industriesektor rasant zu entwickeln und die Lagune in eine Kloake zu verwandeln. Überschwemmungen und Umweltzerstörung nahmen unvermeidlich ihren Lauf, die junge Generation kehrte ihrer Heimatstadt allmählich den Rücken und hinterließ eine überalterte Bevölkerung. Einzig durch die Fortführung von Traditionen hatte der Nachwuchs womöglich eine Perspektive zu bleiben. Und genau darin beruhte die Hoffnung des Mannes, der aus dem einstigen Jungen geworden war.

Seit drei Generationen besaßen die Benedettis ihre stolze Minerva, wie sie das geschwungene Boot nannten, und gaben die Kunst, es zu steuern, stets an ihre Söhne weiter. Auch Giuseppe wollte die Tradition durch seinen Ältesten Pedro fortbestehen lassen. Doch der Junge hatte ein schlaues Köpfchen und dachte nicht daran, als unbedeutender Bootsführer durch Venedig zu gondeln. Infolgedessen entschied er sich für ein Medizinstudium in Rom und ward nicht mehr gesehen. Auch Andrea, Giuseppes zweiter Sohn, schlug das Angebot seines Vaters aus, ein Gondoliere zu werden, denn er verliebte sich mit neunzehn in eine japanische Musikerin und folgte ihr ans andere Ende der Welt.

Blieb nur seine Tochter Alessia. Aus historischen Gründen war der Beruf des Gondoliere jedoch den Männern vorbehalten, sehr zum Bedauern Benedettis. So musste er zusehen, wie auch sein jüngstes Kind eines Tages die Koffer packte und sich nach Deutschland absetzte. Benedetti vermochte nicht einmal zu sagen, welchen beruflichen Werdegang Alessia gewählt hatte – aus tiefer Enttäuschung, auch noch sie aus der Familie verloren zu haben, hatte er den Kontakt abgebrochen und seitdem nichts mehr von ihr gehört.

Benedettis Frau Elettra hatte oftmals das Gespräch mit ihrem verbitterten Ehemann gesucht und große Mühen unternommen, Verständnis für ihre gemeinsamen Kinder aufzubringen. Sie gehörten nun einmal einer neuen Generation an und wollten sich verwirklichen. Was hätte Venedig ihnen schon zu bieten? Und dann lud sie ihren Mann ein, darüber nachzudenken, ihr eigenes Eheglück ebenfalls anderswo auszuleben und den ewigen Traditionen zu entsagen.

Doch Giuseppe wollte davon nichts hören. Nein, eher würde er bis ans Ende seiner Tage durch die verdreckten Gewässer paddeln, als mit dem Andenken an seine Vorfahren zu brechen. Und wenn es ihr nicht passe, dann solle Elettra sich zum Teufel scheren.

Diese Worte kamen über seine Lippen, ohne dass er sie vorher mit der nötigen Sorgfalt abgewogen hätte. Unzählige Male hatte Benedetti später um Verzeihung gebeten, jedoch nicht in Anwesenheit seiner Frau, sondern im stillen Gebet zu Gott. Womöglich war es eine Strafe des Himmels, ihm diesmal nicht zu vergeben, denn Elettra zog einige Wochen später fort und hinterließ nichts als eine vage Erinnerung in Giuseppes Gedächtnis, dass er vor langer Zeit eine glückliche Ehe gehabt hatte.

Die Jahre zogen ins Land und mit ihnen strömten Touristen aus allen Winkeln der Erde herbei. Benedetti zeigte ihnen die verborgenen Winkel und Kanäle seiner Heimatstadt, er erzählte Anekdoten und begegnete so manch einer hübschen Dame. Doch keine hätte sich auf ein Leben an der Seite eines Gondoliere eingelassen – vielleicht für eine romantische Nacht, aber das kam für den frommen Bootsführer nicht in Frage.

Während die Einsamkeit langsam aber sicher an Benedetti zu nagen begann, brach das einundzwanzigste Jahrhundert ohne Vorwarnung über ihn herein und stürzte ihn in eine Sinnkrise. Plötzlich waren überall Computer, die Menschen aßen Fast Food, trugen billige T-Shirts und hatten keinen Blick mehr für das Besondere übrig. Das schlimmste aber war: Die allermeisten waren Ausländer, nicht des Italienischen mächtig und schon gar nicht gewillt, sich den örtlichen Gegebenheiten anzupassen.

Man konnte es drehen und wenden, wie man wollte: Kein historisches Ereignis hatte Venedig jemals so einen großen Schaden zugefügt wie der explodierende Tourismus. In allen vergangenen Zeitaltern waren die Venezianer sich treu geblieben und hatten ihre Kultur bewahrt, ihre Identität gelebt, ihr Selbstbewusstsein verteidigt. Doch dann fuhren die Kreuzfahrtreedereien der westlichen Welt schwere Geschütze auf und fluteten ihre Prospekte mit abenteuerlichen Erlebnisfahrten, auf deren Reiserouten stets die ohnehin schon gefährdete Lagune lag. Die Touristen hatten freilich kein Auge für die Probleme der Stadt und begnügten sich damit, Sehenswürdigkeiten zu bestaunen und sich selbst auf dem Markusplatz oder der Rialtobrücke zu fotografieren. Über den verrückten Selfie-Tourismus konnte Benedetti nur den Kopf schütteln. Wozu mussten Menschen in Scharen einen völlig überfüllten Ort aufsuchen, nur um den Beweis ihrer Anwesenheit irgendwo im Internet zu posten? Und was waren diese so genannten „sozialen Netzwerke“ überhaupt für ein neumodischer Unsinn? Anstatt während der Gondelfahrt die majestätischen Palazzi auch nur eines Blickes zu würdigen, starrten die Fahrgäste wie blöd auf ihre Mobiltelefone oder hielten sie wild in die Luft zum Filmen. Jeden Tag, immerzu, ohne den geringsten Respekt vor der venezianischen Geschichte.

Im Prinzip hätte es Benedetti egal sein können, denn die Touristen zahlten fürstlich. Kein Normalsterblicher wäre auf die Idee kommen, achtzig Euro für eine halbstündige Gondelfahrt zu berappen; nur Ahnungslose und solche, die es sich leisten konnten, taten so etwas. Doch es ging ihm nicht allein um seinen Lohn, sondern darum, das Ansehen Venedigs zu wahren und auf die voranschreitende Zerstörung hinzuweisen, in der Hoffnung, ein Umdenken zu erzielen und die Menschen zu nachhaltigerem Handeln zu bewegen.

Als ob es irgendwen interessiert hätte.

Angetrieben von seinen verächtlichen Gedanken, stieß Benedetti den Riemen hart ins Wasser und ignorierte die spritzende Gischt. Er verfluchte die Touristen und ihr unmoralisches Gebaren. Sollten sie doch an irgendeinem anderen Ort auf Erden ihre Bilder knipsen, wertlose Souvenirs erstehen und mit Plastikmüll die Landschaft verschandeln. Doch die Realität sah leider komplizierter aus, denn ohne den Tourismus wäre Venedig dem Untergang geweiht. Viele tausend Arbeitsplätze hingen direkt an den Schaulustigen und ihren Luxusdampfern, die mit jeder Schiffsdurchfahrt das Fundament der historischen Gebäude weiter beschädigten. Ein desaströses Dilemma, für das weder Politiker noch Reedereien eine Lösung fanden. Stattdessen ging der Massenbetrieb munter weiter und die Einheimischen mussten sehen, wo sie blieben. Wenn es irgendwann zu spät sein sollte und ihnen das Wasser im wahrsten Sinne des Wortes bis zum Halse stünde, würde man Venedig einfach sich selbst überlassen und neue Destinationen ansteuern.

So konnte es einfach nicht weitergehen. Etwas musste sich ändern, denn von selber würde das nicht geschehen. Die Touristen würden nicht freiwillig ihre Angewohnheiten ändern. Und eine Lobby hatten die Anwohner nicht, denn es würde sich schlicht nicht lohnen, sich ihrer Sache anzunehmen. Also musste man das Problem auf die unangenehme Art beseitigen. Wohl oder übel.

Ein leichter Wind zog auf und erschuf ein gekräuseltes Wellenmuster auf der Wasseroberfläche. Giuseppe Benedetti hatte seinen Anlegepunkt am Markusplatz fast erreicht. Die meisten Plätze waren schon belegt, denn die Konkurrenz schlief nicht und jeder wollte seinen Teil vom großen Kuchen abbekommen. In der Nähe erklangen die Bronzeglocken des Markusturms, vermischt mit dem Stimmengewirr hunderter Menschen aus dutzenden Nationen. Ein kleiner Vorgeschmack dessen, was an Besuchern heute zu erwarten war. Benedetti stieg an Land, vertäute die Gondel und straffte sich.

Entgegen seiner Gewohnheit blieb er nicht am Ufer stehen, um für eine Rundfahrt zu werben. Stattdessen begab er sich in Richtung Santa Chiara, wo sich die Hafenterminals befanden. Im Moment lagen lediglich zwei kleine italienische Ausflugsdampfer und ein Luftkissenboot mit kroatischer Flagge vor Anker. Doch bald schon würden die ersten schwimmenden Hotels in der Lagune eintreffen und die Altstadt in den Schatten ihrer meterhohen Decks hüllen.

Benedetti bog um eine Ecke und entdeckte seinen alten Freund Francesco De Santis. Er saß auf einer schäbigen Bank neben einer Hafenkneipe und las in der Zeitung. De Santis war ebenfalls Gondoliere und es war kein Zufall, dass auch er heute nicht bei seinem Boot auf Kundschaft wartete. Benedetti ging auf ihn zu.

„Buongiorno“, rief er und umarmte seinen Landsmann zur Begrüßung. De Santis hatte ein zerfurchtes Gesicht und wirkte gebrechlich, aber hellwach und furchtlos. Ein zäher Kerl, dachte Benedetti, der noch bis ins achtzigste Lebensjahr seiner Berufung treu geblieben war. Jedenfalls bis zum gestrigen Tage. Denn von heute an sollte sich einiges ändern.

Gemeinsam setzten sich die alten Männer in Bewegung und steuerten auf das große Kreuzfahrtterminal zu, wie es vor wenigen Tagen im Geheimen verabredet worden war. Keiner der beiden konnte genau sagen, von wem die Initiative ausging. Es hatte sich einfach per Mundpropaganda herumgesprochen, dass etwas Großes geplant sei. Etwas längst Überfälliges, es ginge um die Zukunft der Stadt und darum, dem unbändigen Treiben ein Ende zu setzen. Benedetti und De Santis waren sofort überzeugt und hatten einer Teilnahme zugestimmt.

Der Treffpunkt war nicht zu übersehen. Schon von weitem erkannten die beiden Gondolieri eine große Menschentraube, aus der lautstarke Stimmen erklangen und Hände in die Luft gestreckt wurden. Beim Näherkommen erkannte Benedetti einige Gesichter wieder. Kellner, Fischer, Verkäufer, Reinigungspersonal – das gesamte Spektrum der ärmeren Einwohner Venedigs war vertreten. Erfreut stellte er fest, dass auch jüngere Frauen und Männer anwesend waren. Auf Transparenten und Papierschildern fanden sich die handgeschriebenen Botschaften der Demonstrierenden:

Turisti, No Grazie!

No Grandi Navi!

Sei La Nostra Rovina!

Keine Kreuzfahrtschiffe mehr, ihr seid unser Untergang.

Wo sie recht hatten, hatten sie recht, dachte Benedetti. Mit grimmiger Miene gesellten er und De Santis sich zu der Protestbewegung und stimmten in die Parolen ein.

Sollten die Touristen ruhig kommen. Diesen Tag würden sie gewiss nicht vergessen.