12. September 2017: Unterschied zwischen den Versionen

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Aktuelle Version vom 2. Oktober 2022, 10:27 Uhr

Redemanuskript von Carolina Perth

Dienstag, 12. September 2017

Vancouver, Kanada

Ihr dunkelblaues Kostüm saß perfekt. Dezent elegant, unaufdringlich und dennoch kraftvoll leuchtend, sodass es der Trägerin eine natürliche Dominanz verlieh.

Carolina Perth betrachtete ihr Spiegelbild. Mit einem Schmunzeln stellte sie fest, dass man sie beinahe für eine Flugbegleiterin halten könnte. Fehlten nur noch der knallrote Lippenstift und die lackierten Fingernägel. Doch von solcherlei aufdringlichem Makeup nahm sie generell Abstand und beließ es stattdessen bei einem zarten Lidstrich. Bloß kein künstlicher Schnickschnack. Sie wollte schließlich einen souveränen Eindruck machen, wenn sie gleich auf die große Bühne trat.

Nach einem letzten prüfenden Blick verließ sie die Damengarderobe und machte sich auf den Weg durch das Foyer. Die Reisemesse war gut besucht, überall wimmelte es von Journalisten und Ausstellern, die sich für dieses besondere Ereignis in Szene gesetzt hatten.

(…)

„Meine Damen und Herren, ich habe das besondere Vergnügen, Ihnen die Chief Executive Officer des Planet Earth Networks vorstellen zu dürfen. Begrüßen Sie recht herzlich Mrs. Carolina Perth!“

Der Saal wurde von verhaltenem, höflichen Applaus erfüllt, während Perth mit eleganten Schritten die Stufen der Podiumsbühne bestieg. Ohne Eile schritt sie zu dem großen Pult, welches sich im Zentrum vor einer gigantischen Leinwand befand. Perth blickte feierlich ins Publikum, warf dezente Blicke nach links und rechts, nahm vereinzelt Gesichtsausdrücke wahr. Die meisten Teilnehmer waren gleichgültig oder gelangweilt. Challenge accepted, dachte Perth im Stillen, holte tief Luft und legte die Worte in ihrem Kopf zurecht. Jetzt kam es drauf an.

„Unser blauer Planet, die Erde, ist unsere Heimat. Beeindruckend, vielfältig und überwältigend.“ Wie von Geisterhand verdunkelte sich die Beleuchtung im Raum und es erschien eine silbrige Scheibe auf dem Bildschirm, von Schleiern umgeben, die sich in Zeitlupe aufzulösen schienen. Je schärfer der Kontrast wurde, umso mehr Farben mischten sich in das Gebilde, bis schließlich eine strahlende, überdimensionale Erdkugel in einem diffusen Universum schwebte. In der Menge erhob sich erregtes Geflüster und Getuschel, mehrere Arme deuteten auf das Himmelsschauspiel.

Ein Hoch auf die moderne Technik. Perfekte Inszenierung war die halbe Miete. So wie es Steve Jobs geschafft hatte, die Welt mit Apple-Produkten zu faszinieren (bei denen es sich im Prinzip um banale Gegenstände wie Telefone oder tragbare Computer handelte), so wollte auch Perth das Publikum von ihrer Vision begeistern.

„Wenn wir unseren Planeten von oben betrachten, aus dem Weltall, können wir nicht seine volle Pracht bestaunen. Zu klein, zu abstrakt erscheinen uns die schemenhaften Konturen. Und dennoch können wir gerade aus dieser Perspektive erahnen, welche zahlreichen Wunder die Erde umfasst. An jedem Tag, zu jeder Stunde, in jedem Augenblick, den wir leben, umgeben sie uns ganz selbstverständlich. Auch wenn wir die einzigartige Schönheit in unserem hektischen Alltag schnell vergessen.“

(…)

(Hier wird über Bilder von der Erde gesprochen, die vom Mond aus aufgenommen wurden)

„Doch der Mond reicht uns nicht. Wir reden darüber, bald den Mars besiedeln zu wollen.“

Bilder vom Mars werden eingeblendet, ein Video von einem Mars-Rover, der auf der Oberfläche landet.

„Und je weiter wir uns entfernen, je tiefer wir in die unbekannte Galaxis eindringen, desto wertvoller und zerbrechlicher erscheint uns die Erde. Die Menschheit hat mit den Voyager-Raumsonden zwei künstliche Objekte erschaffen, die mittlerweile unser Sonnensystem verlassen haben und sich ziellos durch den interstellaren Raum bewegen, um womöglich eines Tages einer fremden Intelligenz in die Hände zu fallen. Vorausgesetzt, dass es eine solche Intelligenz geben sollte. Doch das werden wir wohl nie erfahren.“

Während dieser Worte hatte sich die Kamera kontinuierlich von der blauen Kugel entfernt. Unter geflissentlicher Ignoranz der astronomischen Gegebenheiten schwebten Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun aus verschiedenen Richtungen vor der Linse vorbei, untermalt von bombastischen Soundeffekten wie in einem Hollywoodstreifen. Schließlich schien sich die Szene zu stabilisieren, die Gasplaneten verblassten allmählich und lösten sich in Wohlgefallen auf. Die Videoqualität war plötzlich sehr schlecht und dem Publikum offenbarte sich ein verrauschtes Motiv, das lediglich von ein paar grünen und rötlichen Bändern durchzogen wurde.

Irgendjemand rief in der Dunkelheit: „Da, seht euch das an!“ Caroline Perth konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Die Schatten mehrerer Arme deuteten in Richtung eines der farbigen Streifen, ganz rechts im Bild. Etwas war daran anders…

„Sie haben es entdeckt“, sagte Perth mit andächtiger Stimme. „Das kosmische Wunder, der blaue Planet inmitten eines einsamen, dunklen, kalten Vakuums.“ Und tatsächlich, bei genauem Hinsehen wurde ein winziger Punkt deutlich, der sich gegen das Hintergrundrauschen abhob. So klein, dass man ihn fast übersah, und dennoch strahlend hell.

„Dieses Foto wurde 1990 von Voyager 1 aufgenommen, in einer Entfernung von unglaublichen sechs Milliarden Kilometern. Kein menschliches Wesen könnte in dieser Distanz von unserer Heimat überleben. Es ist der Menschheit gelungen, die äußersten Grenzen des Sonnensystems zu überschreiten. Und dennoch blicken wir stets zurück auf unseren Ursprung, unsere Geburtsstätte, unser Zuhause. Lassen wir den berühmten Astronomen Carl Sagan zu Wort kommen, der für diesen unvergesslichen Schnappschuss verantwortlich zeichnet.“

Ein künstliches Rauschen wie von einem alten Tonband erfüllte den Saal, begleitet von sanfter Klaviermusik. Nach einigen Sekunden begann eine Männerstimme zu sprechen:

„Dieser Punkt ist unser Zuhause. Wir sind das. Darauf hat jeder, von dem ihr je gehört habt, jeder Mensch, der je gelebt hat, sein Leben gelebt. Die Gesamtheit aller unserer Freuden und Leiden, Tausender von sich selbst überzeugten Religionen, Ideologien und ökonomischer Doktrinen, jeder Jäger und Sammler, jeder Held und Feigling, jeder Schöpfer und Zerstörer von Zivilisationen, jeder König und Bauer, jedes verliebte junge Paar, jedes hoffnungsvolle Kind, jede Mutter, jeder Vater, jeder Erfinder und Entdecker, jeder Lehrer der Moral, jeder korrupte Politiker, jeder Superstar, jeder oberste Führer, jeder Heilige und Sünder in der Geschichte unserer Spezies lebte dort auf einem Staubkorn in einem Sonnenstrahl.“

(…)

„Die Erde ist eine sehr kleine Bühne in einer riesigen kosmischen Arena. Denken Sie an die Ströme des von all diesen Generälen und Kaisern vergeudeten Blutes, auf dass sie in Herrlichkeit und Triumph für einen Moment Meister eines Bruchteils dieses Punktes würden. Denken Sie an die endlosen Grausamkeiten, die von den Bewohnern einer Ecke des Punktes an kaum unterscheidbaren Bewohnern einer anderen Ecke des Punktes begangen wurden. Wie häufig ihre Missverständnisse sind, wie eifrig sie darin sind, einander zu töten, wie glühend ihr Hass ist. Unser stolzes Posieren, unsere eingebildete Wichtigkeit, unser Irrtum einer privilegierten Position im Universum wird von diesem blassen blauen Punkt hellen Lichts in Frage gestellt.“

(…)

„Unser Planet ist eine einsame Flocke in der großen umhüllenden kosmischen Dunkelheit. In unserer Dunkelheit – in all dieser Weite – gibt es keinen Hinweis, dass Hilfe von anderswo kommen wird, um uns vor uns selbst zu retten. Man sagte, dass Astronomie eine bescheiden machende, und ich könnte hinzufügen, eine charakterbildende Erfahrung ist. Meiner Meinung nach gibt es vielleicht keine bessere Demonstration der Dummheit der menschlichen Einbildungen als dieses ferne Bild von unserer kleinen Welt. Mir unterstreicht sie unsere Verantwortung, freundschaftlicher und mitfühlender miteinander umzugehen und diesen blassblauen Punkt, das einzige Zuhause, das wir je gekannt haben, zu bewahren und zu pflegen.“

(…)

„Lassen Sie es mich noch einmal zusammenfassen: Jedes menschliche Lebewesen ist auf dem Planeten Erde zuhause. Hier werden wir geboren, hier sterben wir.“


(Erklärung Grundzüge und Geschichte des Tourismus)

„Seit jeher strebt die Menschheit nach dem Unbekannten.“


(Zuspitzung zum Massentourismus)


(Gegenwärtige Probleme)