1. Januar 1991

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Alles beginnt am ersten Januar 1991, meinem sechzehnten Geburtstag. Vor diesem Datum liegen fünfzehn Jahre Einsamkeit, Trauer und Wut. Das Leben in Ranfurly, dieser kleinen historischen Stadt auf der Südinsel Neuseelands, war für die meisten Kinder in den Achtzigern ein Traum. Ihre gutbürgerlichen Eltern boten ihnen eine ländliche Idylle, in der sie aufwachsen und sich selbst verwirklichen konnten. (…)

Für mich war der Traum ein Alptraum.

Doch wie entflieht man seinem vorgezeichneten Schicksal und lenkt es in neue Bahnen? Meine Eltern würden niemals akzeptieren, Ranfurly zu verlassen. Mum vielleicht schon, aber Dad hat sie fest im Griff und sie hat sich zu lange von ihm einschüchtern lassen. Ihr Selbstvertrauen, sofern sie irgendwann welches hatte, ist seit langem restlos aufgebraucht.

Es gibt kein Zurück mehr.

Ein letztes Mal überprüfe ich meine handgeschriebene Liste, auf der ich sorgfältig notiert habe, was ich alles für die nächsten Tage benötigen würde. Obwohl jedes Wort mit einer zarten Bleistiftlinie durchgestrichen ist, verspüre ich den starken Drang, den Rucksack umzustülpen und noch einmal von vorn zu packen. Habe ich an die Schokoriegel gedacht für den schnellen Energiebedarf? Die Beutel mit Obst und belegten Broten, die Konservendosen – werden sie reichen, wenigstens bis übermorgen?

Meine Armbanduhr zeigt 5:38 Uhr. Die funzelige Deckenlampe taucht das Kinderzimmer in ein fahles Gelb. Durch das angekippte Fenster dringen bereits Lichtschimmer, welche die erste Morgendämmerung des neuen Jahres verkünden.

Wasserflaschen, ein kleines Kissen, Luftpumpe, Flickzeug. Gut verstaut in den beiden großen Fahrradtaschen, welche neben dem Schreibtisch bereit stehen. Ich versuche mich zu beruhigen, atme tief durch. Natürlich ist es ein großes Risiko, von zuhause abzuhauen und nicht mehr zurück zu kehren. Doch immerhin habe ich mein Unterfangen wochenlang geplant und akribisch berechnet, welche Vorräte ich brauchen würde.

Liebe Mum, ich habe beschlossen, mein bisheriges Leben hinter mir zu lassen und die Dinge ab jetzt selbst in die Hand zu nehmen. Bitte sucht nicht nach mir und verfolgt mich nicht! Es gibt für mich keine Zukunft in Ranfurly und ich bin mir sicher, dass euch das klar ist. Leider musste ich Dads altes Zelt mitnehmen, um nicht im Freien zu schlafen. Aber ich denke, dass er es ohnehin nicht vermissen wird und sich wahrscheinlich nicht mal daran erinnert, es besessen zu haben.

Alles Gute, ich hab dich lieb!

Sam

Aus dem Nebenzimmer erklingen grunzende Schnarchgeräusch, laut und unregelmäßig. Weiß der Teufel, wie viel Alkohol sich mein Vater in der Silvesternacht hinter die Binde gekippt hat! Er wird sicherlich noch mindestens drei Stunden seinen Rausch ausschlafen. Doch ich will meinen Aufbruch nicht länger hinauszögern. Je mehr ich grübele und zweifle, umso stärker schwindet mein Mut und ich kann den Gedanken nicht ertragen, meine Chance am Ende zu verspielen. Auch wenn ich nicht an Gott glaube, falte ich doch meine Hände und schicke ein kurzes Gebet in Richtung Zimmerdecke. Bitte, Herr, gib mir Kraft. Hilf mir, dass alles gut geht und lass mich nicht allein.

Mit einem Ruck erhebe ich mich vom Bett, streife den Rucksack über die Schultern und öffne vorsichtig die Zimmertür. Kein Quietschen ist zu hören. Es hat sich gelohnt, die Angeln vorher zu ölen. Und über Nacht kleine Holzkeile in die Türritzen zum Schlafzimmer der Eltern sowie zu Priscillas Kinderstube zu stecken. Nichts kann ich weniger gebrauchen, als dass plötzlich einer von beiden vor mir steht und mich fragt, was ich mit all meinem Gepäck vorhabe. Mit leisen Schritten tappe ich durch den dunklen Flur, erreiche die Haustür und drücke die Klinke herunter.

In der frischen Morgenbrise liegt ein Duft von feuchtem Gras und Getreide, welches ringsum auf den weitläufigen Äckern wächst. Ich schleiche unter dem Wohnzimmerfenster entlang, um nicht zufällig entdeckt zu werden. Dann überquere ich den kümmerlichen Rasen und halte auf das verrostete alte Fahrrad zu, das an einem nicht minder rostigen Eisenzaun lehnt.

Wie soll ich mit diesem Drahtesel auch nur die ersten hundert Kilometer schaffen? Es erscheint plötzlich vollkommen absurd. Doch nun ist es zu spät, um die Sache einfach abzublasen. Was würde mein Vater wohl mit mir anstellen, sobald er wieder nüchtern genug wäre, um mich bei den Haaren zu packen und zu schütteln, bis mir schlecht würde? Ich will es nicht so weit kommen lassen.

Rasch befestige ich die Radtaschen am Gepäckträger, binde das Zelt quer darüber mit Schnüren fest und überprüfe den Luftdruck auf beiden Reifen. Muss erstmal reichen. Dann schiebe ich mein Fahrrad durch die verbeulte Gartenpforte, schwinge mein rechtes Bein über den Sattel und trete wie verrückt in die Pedalen. Doch weit komme ich nicht, denn schon nach etwa fünfzig Metern halte ich unvermittelt inne.

Einer inneren Eingebung folgend wende ich den Kopf, um einen letzten Blick zurück auf das Elternhaus zu werfen, in dem ich sechzehn Jahre lang gelebt habe und in das ich nie mehr zurückkehren werde.

Etwas irritiert mich. Dort, hinter dem Wohnzimmerfenster, bewegt sich ein Schatten. Mein Herz schlägt heftig gegen die Brust. Ich muss weg von hier, so schnell es geht! Doch meine Beine sind fest mit dem Boden verwurzelt, folgen nicht länger dem Verstand.

Die Gestalt hinter den Vorhängen stürmt auf das Fenster zu und reißt es auf. Ein kleines Gesicht starrt mit weit geöffneten Augen zu mir herüber. Es ist Priscilla, meine Halbschwester. Ich spüre, wie das Blut in meinen Kopf schießt. Ehe ich etwas tun kann, ist sie über das Fensterbrett nach draußen geklettert und rennt auf mich zu.

»Cilla, bleib wo du bist!«, zische ich ihr zu. »Geh wieder zurück ins Haus.«

Die Kleine denkt gar nicht dran umzukehren und läuft schnurstracks auf mein Fahrrad zu. Mit ihren zierlichen Händen langt sie nach den Radtaschen und versucht, sie herunter zu ziehen.

»Ich hab gemerkt, dass du aus dem Zimmer abgehauen bist«, mault sie lauthals, sodass es jeder in der Umgebung hören kann.

»Ist dir eigentlich klar, was du da gerade redest?«, entgegne ich meiner Schwester ungläubig. Sie muss den Verstand verloren haben. Vielleicht hat sie auch einfach nie welchen besessen. Für den Moment völlig unerheblich.

»Das hier ist kein Abenteuerurlaub und schon gar kein Kinderausflug! Der Weg ist extrem lang und ich habe keinen Schimmer, wie der Untergrund beschaffen ist. Mit deinem blöden Minifahrrad schaffst du ja nicht mal zwanzig Meter auf der Wiese, ohne stecken zu bleiben.«

Mit diesen Worten schwinge ich mich zurück auf den Sattel, doch Cillas Fäuste packen mich unbarmherzig am Rucksack und halten mich zurück.

(...)

Wir erreichen die Caulfeild Street und biegen rechts ab auf die Northland Street, vorbei am Hills Park und der zierlichen Presbytarian Church auf der anderen Straßenseite. Nach einer weiteren Rechtskurve gelangen Cilla und ich endlich auf die Hauptstraße, welche zunächst nach Kyeburn und über Dunback schließlich nach Palmerston führt.

Allein für diese Strecke werden wir mehr als den halben Tag benötigen. Weiß der Himmel, nach wie vielen Kilometern Cilla keine Kraft mehr hat oder ihr Drahtesel schlicht den Dienst versagt.