3. Januar 1991
Durch meine Augenlider dringt grelles Morgenlicht. Jäh erwache ich und spüre, wie mein Rücken eklig schmerzt - ich habe mich im Schlaf wohl zur Seite gerollt und direkt auf einer Wurzel gelegen. Vorsichtig blinzle ich und erblicke einen makellosen blauen Himmel, von dem die Sonne schon jetzt herab brennt wie ein Höllenfeuer. Mein T-Shirt ist völlig verschwitzt und verdreckt, ich spüre meine Zunge am Gaumen kleben.
Als wäre mein Mund voller vertrocknetem Lehm.
Dann setzt schlagartig ein unmenschlicher Durst ein. Mit dröhnendem Lärm brettert ein großer Jeep auf dem Highway entlang und hinterlässt einen Staubwirbel in der Luft, der mich zum Husten bringt. Zitternd setze ich mich auf, greife nach meinem Rucksack und fingere eine Wasserflasche hervor. Der erste Schluck schmeckt wie ein ekelerregender Schwall Giftbrühe. Von wegen erlösendes Gefühl, wie es den Verdurstenden in Büchern immer zugeschrieben wird. Es hilft nichts, ich brauche Flüssigkeit für meinen Körper und trinke weiter, bis nur noch eine kleine Pfütze übrig ist.
Ganz allmählich lassen meine Kopfschmerzen nach und ich kann klarer denken. Nun höre ich auch, dass mein Magen grummelt. Tatsächlich haben Cilla und ich seit der Flucht vorgestern nur ein paar belegte Brote und etwas Obst gegessen. Doch die Radfahrt hat mehr Kraft gekostet als erwartet und wir sind längst nicht so weit gekommen, wie ich es allein geschafft hätte. Apropos, wo steckt mein kleines Schwesterlein eigentlich?
Ein kurzer Rundumblick gibt mir die Antwort. Sie steht bei den Fahrrädern und plündert gerade die Vorratstaschen. Ein buntes Sammelsurium achtlos weggeworfenen Plastikmülls offenbart, dass sie locker ein halbes Dutzend Schokoriegel verdrückt haben muss. Das lange schwarze Haar weht um ihren Kindeskopf, als wäre alles in bester Ordnung.
Scheiße, auf diese Art verbrauchen wir viel zu viele Ressourcen. Es sind noch über hundert Meilen bis Christchurch. Wahrscheinlich müssen wir uns bald einen Dairy suchen und was nachkaufen.
Meine Finger ballen sich zur Faust und ich fletsche die Zähne. Cilla, du verdammtes Miststück! Warum musstest du mitkommen? Es ist völliger Wahnsinn zu glauben, wir hätten irgendeine Chance zu zweit. Am Ende gehen wir nur beide drauf. Mit schnellen Schritten laufe ich auf sie zu und sie dreht sich überrascht um. Nur mit Mühe schaffe ich es, meine Hand zu kontrollieren und ihr nicht eine schallende Ohrfeige zu verpassen.
»Schmeckt's gut?«, zische ich und reiße ihr augenblicklich die Gummitiere aus den kleinen Griffeln. Ihr Gesicht spiegelt eine Mischung aus Erschrockenheit und Beleidigung. Zögernd tritt sie einen Schritt zurück und schaut zu Boden.
»Tut mir Leid, Sammy, aber ich hab furchtbaren Hunger und die Toastbrote machen nicht satt...« Sie richtet ihren Blick wieder auf und hat Tränen in den Augen. Unschuldig kullern sie über ihre roten Wagen herab. Für einen Moment vergesse ich unsere Notlage und habe Mitleid mit ihr. Schließlich geht es Cilla nicht besser als mir und sie ist noch viel jünger.
Einem Instinkt folgend werfe ich die Süßigkeiten in die Fahrradtasche und schlinge meine Arme um ihren kleinen Körper. Sie erwidert die Umarmung und krallt ihre Finger in meinen Rücken, als wollte sie mich nie mehr loslassen. Ein Schluchzer dringt aus ihr hervor und ich kann nicht anders, als Mitleid für sie zu empfinden. Mit einem Taschentuch wische ich vorsichtig ihre Tränen fort und tätschele ihren Kopf.