3. Januar 1991: Unterschied zwischen den Versionen

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Mein Selbstvertrauen beginnt zu schwinden. In meinem Schädel dröhnt es, als ob ein Presslufthammer darin wütet. Fahr endlich weiter, schrillt eine unsichtbare Stimme, Hauptsache weg von hier! - Und dann? Wo sollen wir hin, wo können wir uns verstecken? Mitten in der Wildnis zwischen dichten Wäldern und felsigen Gebirgskämmen? Geht wohl nicht anders. Wie lange werden unsere Vorräte noch reichen? Und finden wir einen Weg Richtung Norden, der uns zurück in die Zivilisation führt?
Mein Selbstvertrauen beginnt zu schwinden. In meinem Schädel dröhnt es, als ob ein Presslufthammer darin wütet. Fahr endlich weiter, schrillt eine unsichtbare Stimme, Hauptsache weg von hier! - Und dann? Wo sollen wir hin, wo können wir uns verstecken? Mitten in der Wildnis zwischen dichten Wäldern und felsigen Gebirgskämmen? Geht wohl nicht anders. Wie lange werden unsere Vorräte noch reichen? Und finden wir einen Weg Richtung Norden, der uns zurück in die Zivilisation führt?
Mit dem Mut der Verzweiflung raffe ich mein Zeug zusammen und rufe meiner Schwester zu: »Schnapp dir deinen Drahtesel und folge mir!« Noch während sie verwirrt drein schaut, trete ich in die Pedalen wie eine Besessene. Cilla scheint kapiert zu haben, dass es ernst ist, denn sie springt sofort auf ihren Sattel und holt mich in Windeseile auf.
In einem Irrsinnstempo jagen wir auf dem heißen Asphalt entlang. Lange werden wir die Geschwindigkeit nicht durchhalten können. In meinem Rücken höre ich lautes Keuchen, gepaart mit ein paar kindlichen Flüchen. Ein kurzer Schulterblick verrät mir, dass weit und breit keine Fahrzeuge in Sicht sind. Gut so, wir brauchen einen Vorteil, wenn wir uns gleich ins Hinterland begeben. Zu unserer Linken ziehen schroffe Felsen vorbei.
Meine Nervosität steigt ins Unermessliche. Hier muss es doch - irgendwo - einen Weg geben, der uns von der Straße hilft. Doch nichts als steile, unwirtliche Anstiege.
Plötzlich gibt es einen furchtbaren Knall. In meinem Nacken ertönt ein greller Schrei.

Version vom 6. Oktober 2022, 20:54 Uhr

Durch meine Augenlider dringt grelles Morgenlicht. Jäh erwache ich und spüre, wie mein Rücken eklig schmerzt - ich habe mich im Schlaf wohl zur Seite gerollt und direkt auf einer Wurzel gelegen. Vorsichtig blinzle ich und erblicke einen makellosen blauen Himmel, von dem die Sonne schon jetzt herab brennt wie ein Höllenfeuer. Mein T-Shirt ist völlig verschwitzt und verdreckt, ich spüre meine Zunge am Gaumen kleben.

Als wäre mein Mund voller vertrocknetem Lehm.

Dann setzt schlagartig ein unmenschlicher Durst ein. Mit dröhnendem Lärm brettert ein großer Jeep auf dem Highway entlang und hinterlässt einen Staubwirbel in der Luft, der mich zum Husten bringt. Zitternd setze ich mich auf, greife nach meinem Rucksack und fingere eine Wasserflasche hervor. Der erste Schluck schmeckt wie ein ekelerregender Schwall Giftbrühe. Von wegen erlösendes Gefühl, wie es den Verdurstenden in Büchern immer zugeschrieben wird. Es hilft nichts, ich brauche Flüssigkeit für meinen Körper und trinke weiter, bis nur noch eine kleine Pfütze übrig ist.

Ganz allmählich lassen meine Kopfschmerzen nach und ich kann klarer denken. Nun höre ich auch, dass mein Magen grummelt. Tatsächlich haben Cilla und ich seit der Flucht vorgestern nur ein paar belegte Brote und etwas Obst gegessen. Doch die Radfahrt hat mehr Kraft gekostet als erwartet und wir sind längst nicht so weit gekommen, wie ich es allein geschafft hätte. Apropos, wo steckt mein kleines Schwesterlein eigentlich?

Ein kurzer Rundumblick gibt mir die Antwort. Sie steht bei den Fahrrädern und plündert gerade die Vorratstaschen. Ein buntes Sammelsurium achtlos weggeworfenen Plastikmülls offenbart, dass sie locker ein halbes Dutzend Schokoriegel verdrückt haben muss. Das lange schwarze Haar weht um ihren Kindeskopf, als wäre alles in bester Ordnung.

Scheiße, auf diese Art verbrauchen wir viel zu viele Ressourcen. Es sind noch über hundert Meilen bis Christchurch. Wahrscheinlich müssen wir uns bald einen Dairy suchen und was nachkaufen.

Meine Finger ballen sich zur Faust und ich fletsche die Zähne. Cilla, du verdammtes Miststück! Warum musstest du mitkommen? Es ist völliger Wahnsinn zu glauben, wir hätten irgendeine Chance zu zweit. Am Ende gehen wir nur beide drauf. Mit schnellen Schritten laufe ich auf sie zu und sie dreht sich überrascht um. Nur mit Mühe schaffe ich es, meine Hand zu kontrollieren und ihr nicht eine schallende Ohrfeige zu verpassen.

»Schmeckt's gut?«, zische ich und reiße ihr augenblicklich die Gummitiere aus den kleinen Griffeln. Ihr Gesicht spiegelt eine Mischung aus Erschrockenheit und Beleidigung. Zögernd tritt sie einen Schritt zurück und schaut zu Boden.

»Tut mir Leid, Sammy, aber ich hab furchtbaren Hunger und die Toastbrote machen nicht satt...« Sie richtet ihren Blick wieder auf und hat Tränen in den Augen. Unschuldig kullern sie über ihre roten Wagen herab. Für einen Moment vergesse ich unsere Notlage und habe Mitleid mit ihr. Schließlich geht es Cilla nicht besser als mir und sie ist noch viel jünger.

Einem Instinkt folgend werfe ich die Süßigkeiten in die Fahrradtasche und schlinge meine Arme um ihren kleinen Körper. Sie erwidert die Umarmung und krallt ihre Finger in meinen Rücken, als wollte sie mich nie mehr loslassen. Ein Schluchzer dringt aus ihr hervor und ich kann nicht anders, als Mitleid für sie zu empfinden. Mit einem Taschentuch wische ich vorsichtig ihre Tränen fort und tätschele ihren Kopf. Sie lässt mich gewähren und lächelt sogar ein bisschen.

Sie schafft es einfach immer wieder.

Aus dem Augenwinkel erkenne ich in der Ferne ein Fahrzeug, dessen rote und blaue Lichter auf dem Dach wild blinken. Mit gigantischem Tempo kommt der Streifenwagen näher, direkt auf uns beide zu.

»Runter mit dir!«, brülle ich und reiße Cilla zu Boden. Mit hartem Griff schleife ich sie ins angrenzende Gebüsch, wo wir uns unter trockenen Ästen kauern. An meiner Handfläche läuft warmes Blut herab. Cilla schaut mich entsetzt an, auf ihrer Stirn prangt ein tiefer Kratzer.

»Warum -«, beginnt sie lautstark zu jammern, doch ich presse ihr nachdrücklich die Hand auf den Mund. Das Polizeiauto gerät wieder in Sicht, ist nun ganz nah, bremst abrupt ab und bleibt wenige Meter von unseren Fahrrädern entfernt stehen.

Ein Police Officer steigt aus, die Hand an seinem Waffenholster, und nähert sich den beiden voll beladenen Drahteseln. Er inspiziert die Proviantreste, sieht sich aufmerksam um. Dann greift er nach seinem Funkgerät, um Meldung zu machen.

Mein Herz pocht so laut, als wolle es gleich aus der Brust springen. Noch immer halte ich Cilla fest an mich gedrückt und spüre, wie sie am ganzen Leibe zittert. Der Gesetzeshüter hat nun das raue Buschwerk entdeckt und mein Verstand setzt für einen Moment aus. Wir haben keine Chance, von hier zu fliehen. Die Räder sind zu weit weg und hinter dem Buschwerk befindet sich eine steile Klippe.

Zielstrebig kommt der Uniformierte näher, immer näher. Durch die verdorrten Zweige kann ich sein furchiges Gesicht sehen, in welchem eine Siegesgewissheit zu erkennen ist. Schon langt er mit den Armen ins Gebüsch, dass es nur so knackt. Verzweifelt kriechen Cilla und ich tiefer ins Geäst. Eine knochige Hand packt grob zu und verfehlt um Haaresbreite mein rechtes Ohr.

Unvermittelt ertönt eine laute Männerstimme von der Straße aus.

»Komm zurück, Gordon! Schwerer Verkehrsunfall auf State Highway 1 bei Waikouaiti. Frontalzusammenstoß zwischen Truck und Motorrad. Müssen unverzüglich zum Einsatzort!«

Das Gesicht des Police Officers wird zu einer verdrießlichen Maske. Vielleicht bilde ich es mir vor Schreck nur ein, doch an mein Ohr dringt ein leises »Ich kriege euch noch«. Dann dreht sich der Mann abrupt um und eilt mit pflichtbewusster Haltung zum Streifenwagen. Mit röhrendem Motor und schrillen Sirenen brausen die beiden Einsatzkräfte davon.

Eine gefühlte Ewigkeit vergeht, bis Cilla und ich uns aus der Deckung wagen. Die Kleine schluchzt und schüttelt sich; auch meine Gliedmaßen zappeln, als hätte ich eine seltene Muskelkrankheit. Ungläubig starre ich in Richtung Süden, wo die Cops mit ihrem Auto verschwunden sind. Die winzigen Blinklichter in der Ferne hinterlassen dünne rote und blaue Schlieren auf meiner Netzhaut.

»Wir werden also gesucht«, murmele ich mehr zu mir selbst. Cilla hat es gehört und schaut mich ängstlich an.

»Was sollen wir jetzt tun?«, fragt sie wimmernd, zögert einen Moment und fügt dann leise hinzu: »Können wir nicht einfach zurück nach Hause?«

Meine Gedanken rasen. Die Sonne brennt unbarmherzig herab und versengt mir das Hirn. Fluchend tapse ich zu meinem Rucksack, den der Police Officer zum Glück liegen gelassen hat, fördere eine Sonnenmütze zutage und ziehe sie mir über. Schon etwas besser.

»Vergiss es«, entgegne ich in Cillas Richtung. »Wenn wir uns stellen, wird Vater uns totschlagen. Du kennst ihn. Und falls nicht, kommen wir ins Heim zu irgendwelchem Gesindel, die uns ans Leder wollen.« Ich mache ein paar Schritte auf meine Schwester zu und fixiere sie mit den Augen.

»Hör zu, du hast dich dafür entschieden mitzukommen. Jetzt musst du auch ein starkes Mädchen sein und durchhalten.« Ihr verängstigter Blick lässt mich diesmal kalt, denn jetzt geht es um alles. Ich werde nicht zulassen, dass meine Flucht in ein besseres Leben von einer Zehnjährigen vereitelt wird!

»Die beiden haben unsere Fahrräder gesehen. Bald werden sie zurück kommen, wahrscheinlich schon in den nächsten zwei Stunden. Wir müssen so schnell es geht verschwinden. Sobald die Bullen entdecken, dass die Räder weg sind, werden sie eine Großfahndung einleiten. Wir schaffen es also im Leben nicht bis Christchurch auf diese Art.«

Noch immer ignoriere ich Cillas verzweifelten Gesichtsausdruck. Die Situation hat sich dramatisch verschlechtert. Obgleich es an ein Wunder grenzt, dass wir nicht an Ort und Stelle festgenommen wurden, sieht es düster aus. Es gibt nur einen Highway und das innere Bergland ist nicht kartografiert.

Mit einem Mal wird mir bewusst, wie bescheuert mein Fluchtplan ist. Selbst ohne meine Schwester im Schlepptau hätte man mich ja irgendwann gesucht. Und ich habe nicht - eine - verdammte - Ausweichroute eingeplant!

Mein Selbstvertrauen beginnt zu schwinden. In meinem Schädel dröhnt es, als ob ein Presslufthammer darin wütet. Fahr endlich weiter, schrillt eine unsichtbare Stimme, Hauptsache weg von hier! - Und dann? Wo sollen wir hin, wo können wir uns verstecken? Mitten in der Wildnis zwischen dichten Wäldern und felsigen Gebirgskämmen? Geht wohl nicht anders. Wie lange werden unsere Vorräte noch reichen? Und finden wir einen Weg Richtung Norden, der uns zurück in die Zivilisation führt?

Mit dem Mut der Verzweiflung raffe ich mein Zeug zusammen und rufe meiner Schwester zu: »Schnapp dir deinen Drahtesel und folge mir!« Noch während sie verwirrt drein schaut, trete ich in die Pedalen wie eine Besessene. Cilla scheint kapiert zu haben, dass es ernst ist, denn sie springt sofort auf ihren Sattel und holt mich in Windeseile auf.

In einem Irrsinnstempo jagen wir auf dem heißen Asphalt entlang. Lange werden wir die Geschwindigkeit nicht durchhalten können. In meinem Rücken höre ich lautes Keuchen, gepaart mit ein paar kindlichen Flüchen. Ein kurzer Schulterblick verrät mir, dass weit und breit keine Fahrzeuge in Sicht sind. Gut so, wir brauchen einen Vorteil, wenn wir uns gleich ins Hinterland begeben. Zu unserer Linken ziehen schroffe Felsen vorbei.

Meine Nervosität steigt ins Unermessliche. Hier muss es doch - irgendwo - einen Weg geben, der uns von der Straße hilft. Doch nichts als steile, unwirtliche Anstiege.

Plötzlich gibt es einen furchtbaren Knall. In meinem Nacken ertönt ein greller Schrei.